Nach den Reden und dem Unterhaltungsprogramm wird es kurz nach 11 Uhr ernst. Und noch aufregender als bisher. Denn nun weiß jeder, welcher Klasse er ab jetzt zugehörig ist. Den Anfang machen die „Erdbeeren" mit Lehrerin Bianca Rust. Auf der Bühne der Sonnentauschule stehen die bisherigen Kinder der sogenannten Flexklassen, die die Jahrgangsstufen eins und zwei vereinen. Lehrerin Rust ruft nach und nach alle Neulinge auf, und da wird mancher Schritt schon schwer. Denn diese Meter auf die Bühne sind wirklich wie ein großer Schritt in ein neues Leben. Die Erstklässler lassen in diesem Moment die Vertrautheit der Familie hinter sich, plötzlich sind da neue Kinder an der Seite, und dann geht es auf ins Klassenzimmer. Eltern müssen draußen bleiben – und wie ihre Kinder loslassen. Jede dieser Flexklassen hat einen eigenen Namen, also gibt es neben den „Erdbeeren" die „Enten", „Frösche", „Fische", „Tiger" und die „Zebras".

58.400 Kinder sind am Dienstag in Hessen eingeschult worden. In der Sonnentauschule, einer der drei Grundschulen von Obertshausen, waren es 70. Für sie wurde ein Festprogramm im Freien organisiert, denn in der Sporthalle der Schule wäre es zu warm gewesen, sagt Schulleiter Mischa Sendelbach. Also erinnerte dieses Einschulungsfest ein wenig an die sonntägliche Unterhaltungsshow „ZDF-Fernsehgarten" und Sendelbach im blauen Anzug an einen Conferencier.

Seit diesem Schuljahr gibt es für jedes Kind in Hessen das Recht auf Ganztagsbetreuung. Die ist freiwillig und nicht kostenlos, und wohl auch deswegen nehmen nicht alle Eltern das Angebot wahr. Die Sonnentauschule besuchen 270 Kinder, 170 wurden für die ganztägliche Betreuung angemeldet, sagt Sendelbach.

Doch an diesem Dienstagvormittag sind solche bildungspolitischen Weichenstellungen erst mal zweitrangig. Es gibt einen kleinen Stand mit Schulsouvenirs, und auf dem Schild daneben werden die Eltern aufgeklärt, dass sie ihre Kinder auf eine musikalische Grundschule schicken. Was das heißt, erzählen die Kinder der Theatergruppe mit ihrer Aufführung des Stücks „Vom Löwen, der nicht schreiben konnte". Und wenn dann unter der Leitung von Chorleiter und Obertshausens Musikmeister Peter Krausch die jungen Stimmchen eine deutsche Version des Sechzigerjahre-Klassikers „The Lion sleeps tonight" singen, dann wirken nicht nur die Lehrerinnen Sabrina Galindez-Nees und Daniela Hielscher als Leiterinnen der Theater-AG gerührt.

Sendelbach leitet seit 2007 die Sonnentauschule. Zwei Einführungsfeiern hat er seitdem verpasst – weil er ja auch zwei eigene Kinder hat, die er „loslassen" musste. Der Schulanfang ist das erste große Loslassen für jeden Menschen, es ist der sanfte Beginn in die Selbstständigkeit. „Es gibt nicht viele Dinge, die nur einmal im Leben passieren", ruft Sendelbach ins Publikum, und der Schulanfang gehöre eben dazu.

Und dann tritt im hellen Anzug ein Mann auf die Bühne, der genau weiß, wie es sich anfühlt, an der Stelle der Kinder von heute zu sitzen: Manuel Friedrich. Gleich am Dienstagmorgen hatte Obertshausens Bürgermeister seine Social-Media-Gemeinde mit einem lustigen Foto vom 4. August 1992 versorgt, das ihn an seinem Einschulungstag zeigt – in der Sonnentauschule.

Vierunddreißig Jahre später sagt er, begleitet von den Magistratsmitgliedern Hildegard Knorr und Oliver Bode Sätze, die ein Bürgermeister so sagen muss, von denen dieser vielleicht der markanteste ist: „Manchmal ist ein Fehler wichtiger als zehn richtige Antworten." Ob das die „Zebras" und die „Enten" in dem Moment verstehen, ist unklar. (aus Offenbach-Post vom 12.08.2026, von Steffen Gerth)